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27.10.2017

FUSSBALL | AUFSCHWUNG – DEIN NAME SEI YAKIN

Wie die Grasshoppers unter ihrem neuen Trainer in die obere Tabellenhälfte vorstiessen.

Es war schon eine schwer vermittelbare Tatsache, diese Entlassung des Trainers Carlos Bernegger nur wenige Tage, nachdem seine Mannschaft beim 2:0 gegen den FC St. Gallen die wohl beste Leistung seiner Amtszeit geboten hatte. Aber es war natürlich auch so, dass es im bereits fünften Anlauf der erste Sieg in dieser Meisterschaft war.

Da waren die Zahlen schon andere, die in Schaffhausen zu registrieren waren, wo seit Anfang Jahr Murat Yakin wirkte. Der hatte im Frühjahr den FCS vom letzten auf den 4. Platz der Challenge League geführt, zwischendurch mit einer Serie von acht Siegen hintereinander. Nicht einmal der FCZ gewann in diesen 18 Runden so viele Punkte wie Yakins Schaffhauser. Und dann der Start ins neue Jahr: Sechs Siege mit 18:3 Toren in der Liga, dazu ein 5:0 im Cup. Manchmal, so schien es, wars Yakin selbst unheimlich, wie seine Schaffhauser da von Sieg zu Sieg marschierten – in den ersten Runden der neuen Saison auch, obwohl sie doch wichtige Spieler verloren hatten.

Am Wochenende, da er sich mit einem 3:1 gegen den FC Vaduz aus Schaffhausen verabschiedete, erreichten die Grasshoppers unter Führung Boro Kuzmanovics in Lausanne ein 1:1. Es war ein schwaches Spiel, niemand konnte sich vorstellen, was seither sein würde – in der Waadt, in Zürich.

Zwei Wochen Länderspielpause hatte Yakin Zeit, seinen ersten Match als GC-Trainer vorzubereiten. Und als er dann fürs Heimspiel gegen den FC Sion aufstellte, war zu sehen: Es war die genau gleiche Elf im genau gleichen System, wie sie Bernegger bei seinem letzten Spiel und Sieg gewählt hatte. Yakin hatte also der Versuchung widerstanden, Dinge um des Veränderns willen zu verändern. Er brauchte, so sein Selbstverständnis, nicht Zeichen zu setzen, auf dass jeder auch sehe, dass da ein bedeutender Neuer gekommen sei. 

GC spielte gegen Sion also mit einer Dreierabwehr, mit dem neuen Schweden Nabil Bahoui als zentrale Spitze, Jeffrén und Lucas Andersen auf den Flanken. GC gewann die ersten Punkte mit Yakin, das 3:2 nach zweimaligem Rückstand war eher offensiv als defensiv in Ordnung. Aber vor allem wars ein Sieg, GC war nicht mehr Neunter, sondern Achter hinter zwei punktgleichen Teams.

Im Cup wurde die Aufgabe in Biel sehr souverän gelöst, mit einem 5:0, drei Toren allerdings erst in den letzten Minuten. Danach gings nach Thun. Yakin kehrte mit einem 2:2 nach zweimaliger Führung zurück, und er hatte eine erste kleine Retusche vorgenommen: Jeffrén spielte nun vorne zentral, Bahoui auf der Seite. 

Nur drei Tage später mussten die Grasshoppers in Lugano antreten. Zur Pause stands 1:0 dank eines Elfmeters von Runar Mar Sigurjonsson – aber nach einer ersten Halbzeit, die von Pierluigi Tamis Tessinern dominiert worden war. Sie hätten eigentlich führen müssen. Also griff Yakin mit Blick auf die grundsätzlich mässige Tagesform zur Massnahme, seine Abwehr zu verstärken, nur noch auf Konter zu spielen – Resultatfussball par excellence. Für Offensivkraft Andersen kam schon bei Halbzeit, erstmals nach langer Verletzungspause, der defensive Marko Basic, später für Stürmer Jeffrén Defensivspieler Alban Pnishi. Die Rechnung ging auf, GC konterte sich zum Sieg, die beiden 18-Jährigen, Nedim Bajrami und Petar Pusic, schossen binnen drei Minuten je ihr erstes Super-League-Tor. GC war schon Fünfter, also erstmals in der oberen Tabellenhälfte.

Eine Woche später kam der FC Basel in den Letzigrund, in den Tagen zuvor mit dem 1:0 gegen den FCZ und dem 5:0 gegen Benfica Lissabon aus einem kurzen Zwischenschlaf erwacht. Diesmal wählte Yakin die Variante, den Meister mit einer dominanten Startphase zu überraschen. Das wäre beinahe geglückt, GC hätte in Führung gehen können, aber Bahoui traf nach vier Minuten nur den Pfosten. Später mussten die Grasshoppers mit einem 0:0 zufrieden sein, aber es war – zumal resultatmässig – ein nächster Schritt. GC war weiterhin Fünfter.

Das nächste Heimspiel, gegen den FC Luzern, war dann weniger überzeugend. Es war vielleicht das bisher schwächste Spiel unter Yakin, mit dem 1:1 war seine Mannschaft eher gut bedient. Immerhin, Marco Djuricin schoss bei seiner Rückkehr nach seiner Verletzungspause gleich das Tor. Er gab nun die Sturmspitze, Jeffrén wirkte ziemlich zentral, aber leicht zurückhängend. In der Tabelle bliebs bei Platz 5.

Und dann diese kleine Explosion, das Derby, das 4:0. Manchmal, sagte Yakin danach, „braucht eine Mannschaft für ihre Entwicklung einen Glücksmoment. Vielleicht war das heute so einer.“ Wieder war alles aufgegangen. Wer erwartet hatte, der FCZ komme mit hohem Pressing „und wie die Feuerwehr“, wie Yakin noch am Vortag – gewiss nicht ohne taktischen Unterton – gesagt, der wurde überrascht: GC stand eher höher als der Gegner. Und der FCZ, nicht GC beging den ersten Fehler, der zum 1:0 führte und dem Gegner die Sache erleichterte. Es waren diese beiden Szenen, die in Erinnerung sind: Heinz Lindners Superparade auf Michael Freys Schuss, Lucas Andersens Ball aus spitzestem Winkel, der FCZ-Goalie Andris Vanins überraschte. Die Fortsetzung: GC musste „nur“ noch gut verteidigen und auf die gegnerischen Fehler warten, die Alain Nef und Umar Bangura auch machten. Yakin hatte das erste Derby gegen seinen Kumpel Uli Forte gewonnen – es war ein Coup. Danach ist GC zwar immer noch Fünfter, aber nur noch eine Länge hinter dem FC St. Gallen, dem heutigen Gegner.

Unter der Woche wurden auch die Cup-Viertelfinals erreicht – mit einem 1:0 im Duell der beiden „Teams der Stunde“ in Lausanne. Es war eine taktisch gute Leistung. GC gestand dem Gegner in 93 Minuten nur eine gute Torszene zu und hatte selbst doch ein halbes Dutzend – Djuricin nutzte davon eine. Ein Spektakel allerdings wars nicht – aber eben ein weiterer Sieg. Und nichts scheint typischer zu sein für Yakin, den Winnertypen. Unter ihm lernten die Grasshoppers das Gewinnen wieder.

Kein Zweifel, er hat die Mannschaft weitergebracht. Spieler, die zu Saisonbeginn noch eher belächelt wurden, sind nun geachtet. Jeffrén beispielsweise in seiner modifizierten Rolle oder Linksverteidiger Souleyman Doumbia, obwohl der in der reinen Defensivarbeit noch zuzulegen hat. Es spielen aber auch Junge, allen voran Bajrami, sehr solide. Es ist wieder mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten in der Mannschaft.

Und natürlich hat sie der Trainer im Griff. So löste er auch den ersten kleinen „Fall“, als er den nach zwei Auswechslungen demonstrativ unzufriedenen Runar Mar Sigurjonsson disziplinierte. Er wisse mit seiner Erfahrung schon, was in solchen Fällen zu tun sei, sagte er nach dem 4:0 gegen den FCZ, das der Isländer auf der Bank erlebt hatte. Aber vor allem auch ist es die Ausstrahlung Yakins, die auffällt. Die Ruhe, die Gelassenheit, ja man ist geneigt zu sagen: die Grandezza, die er ausstrahlt. Und selbst nach Siegen wie jenem gegen den FCZ vergisst er nicht, darauf hinzuweisen, dass in wichtigen Momenten auch Glück dabei gewesen sei. Selbstbewusst wirkt er, überheblich nicht. Und mit der Fähigkeit, auch mit kleinen Retuschen, mit Wechseln, Gewinne zu erzielen.

Auch im Wissen, dass irgendwann selbst er wieder verlieren wird, dass GC auch mit ihm in aktueller Besetzung noch nicht wieder eine Meistermannschaft hat. Aber durchaus eine für den Europacup. Aktuell sind Yakins Zahlen diese: 15 Pflichtspiele in dieser Saison, 12 Siege und 3 Unentschieden, keine Niederlage; lauter Siege mit Schaffhausen, mit GC je drei Siege und Unentschieden in der Meisterschaft, dazu zwei Siege im Cup. Und aufs Jahr 2017 hochgerechnet, hat er in 30 Ligaspielen 67 Punkte gewonnen – mit Schaffhausern, die er am Tabellenende übernahm, mit Grasshoppers, die er auf Platz 9 übernahm. Hochgerechnet auf eine ganze Saison gibt das 80 Punkte. In den 14 Jahren der Zehnerliga hat nur dreimal ein Meister, stets der FCB, mehr als 80 Punkte gemacht …

Hansjörg Schifferli