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10.04.2020

NLA/Herren: Interview mit Florian Leitner

Hi Flo, wie geht es Dir in diesen Tagen?
Flo: Zwiespältig – an manchen Tagen finde ich es schön, viel Zeit für mich zu haben, an manchen Tagen merke ich aber auch, dass mir das Handball und die Uni sehr fehlen.

Wie verbringst Du aktuell die Zeit in der Lockdown Zeit?
Flo: Ich habe mir ein Corona Wochenplan gemacht, damit ich nicht einfach jeden Tag das Frühstück verschlafe und der dann im Eimer ist. Ich steh um 7.30 Uhr auf, mache 20 Minuten Rumpf-Training am TRX oder mache einen Dauerlauf. Danach frühstücke ich und beginne für die Uni zu arbeiten. 10.30 Uhr ist Znünipause, dann arbeite ich wieder bis zum Zmittag. Danach gehe ich reiten oder spazieren, dann arbeite ich wieder für die Uni. Um 18.00 Uhr gehe ich wieder ans TRX und mache ein längeres Workout. Den Abend nutze ich meist, um zu lesen. So geht das jeden Tag. Samstag und Sonntag ist Wunschprogramm.

Was habt Ihr für eine Abmachung mit dem Trainer? Mannschaftstraining gibt es ja keins...
Flo: Anfangs Woche hatten wir eine Videokonferenz mit dem Trainer Stab und dem Team, um das Training zu besprechen. Wir trainieren jetzt alle mit Pulsuhr, so können wir unsere Einheiten tracken und sehen schnell, wo wir noch ansetzen und optimieren müssen.

Was hast Du empfunden, als Du erfahren hast, dass die Meisterschaft 2019/2020 per 13.03.2020 aufgrund der Corona Situation abgebrochen wird?
Flo: Zum einen habe ich schwer damit gerechnet, weil der Handball noch die letzte Sportart in der Schweiz war, der keine Massnahmen ergriffen hat. Zum anderen finde ich es extrem schade – das wären meine ersten Playoffs der Karriere gewesen...

Nach 5 Jahren Playoff-Abwesenheit habt Ihr euch endlich wieder mal für die Playoffs qualifiziert und jetzt finden sie nicht statt...
Flo: Ja, das ist extrem schade. Vor 5 Jahre wechselte ich nach Zürich zu GC und seither haben wir zweimal die Finalrunde wegen einem Punkt verpasst. Danach waren wir einmal am Rande eines Konkurses und sind zweimal fast abgestiegen. Die Playoffs in diesem Jahr wären eine Genugtuung für jeden gewesen. Spieler, Trainer, Staff und Vorstand.

So Flo, und jetzt hätte ich gerne ein paar Inputs von Dir zu Dir und deiner Handballkarriere:
Was sind bisher Deine grössten Erfolge im Handball?
Flo: An Junioren EM & WM erreichte ich mit dem Team jeweils einen 6., 8. und 9. Rang. In Jekaterinburg an der WM war ich mit einer Trefferquote von 85% der effektivste Spieler der Schweizer Junioren Nationalmannschaft.

Da gibt es sicher eine spezielle Story aus Deiner Karriere. Welche ist das?
Flo: Da gibt es sogar zwei: Zum einen an der U18 EM in Polen, als wir im ersten Spiel gegen Dänemark einen Sieg brauchten, um die Chancen auf das Halbfinale zu wahren. Nach 60 Minuten stand es unentschieden – es ging in die Verlängerung. Wir hatten den letzten Angriff, spielten 7 gegen 6. Ich hatte im ganzen Spiel kein Ball gesehen, doch im letzten Moment kam er dann doch zu mir und ich hämmerte ihn ins Tor. Der Sieg war unser, doch für das Halbfinale reichte es dann leider nicht ganz – wir verloren gegen Spanien mit drei Toren. Dennoch konnten wir auf unseren 6. Schlussrang stolz sein.

Und ein Jahr später an der Junioren WM in Jekaterinburg spielten wir im Startspiel gegen Russland. Die Halle war mit 3’500 Zuschauern rampenvoll. Alle gegen uns. Den mitgereisten Schweizer Fans wurde sogar das Hissen der Schweizer Fahne verboten. Am Ende siegten wir knapp mit zwei Toren. Die Stille, die danach in der Halle herrschte, werde ich nicht mehr vergessen.

Du bist Student. Was studierst Du?
Flo: Philosophie & Physik. Dazu habe ich zwei Jahre Geschichte studiert, ein Semester Mathe und ein Semester Umweltwissenschaften.

Beeindruckend. Philosophie, Physik, Geschichte und Mathematik. Warum macht man so was?
Flo: Mich interessieren die grundlegenden Fragen der Menschheit. Woher wir kommen? Wie die Welt funktionieren könnte? Zudem interessieren mich aktuelle ethische Fragen wie z.B. die Ethik des Klimawandels oder tierethische Fragen. Dies alles im historischen Kontext zu verstehen, kann uns viel über das Wesen des Menschen sagen.

Und was machst Du neben Handball und Studium? Gibt es da überhaupt noch Zeit für anderes?
Flo: Nun ich versuche mein Leben so vielfältig wie möglich zu gestalten. Seit gut eineinhalb Jahren reite ich regelmässig. Und ich musiziere. Ich spiele Gitarre und Trompete. Einige Zeit habe ich auch in einer Band gespielt. Nachdem wir mit der Band den BandX Aargau gewonnen haben, konnten wir eine EP aufnehmen. Mit der wachsenden Bekanntheit der Band kamen auch immer mehr Live Konzerte. Jedoch gab es auch immer mehr Überschneidungen mit dem Handball Terminkalender. Ich habe dann mit meinen Bandkollegen vereinbart, dass ich nur noch an bestimmten Auftritten dabei bin. Als dann neues Songmaterial ohne Trompete vorhanden war, war’s das dann auch mit meiner Bandkarriere. Das letzte Konzert spielte ich 2018 am Songbird Festival in Davos.

Du bist Aargauer und in Zürich...
Flo: Das ist überhaupt nicht schlimm – die meisten Leute denken sowieso, dass ich in Zürich wohne. Mit dem Auto war ich einmal in der Stadt. Das war der Horror. Alle haben gehupt und ich habe zweimal fast eine Fussgängerin überfahren, die einfach in die Strasse lief. Nach Zürich zu ziehen ist für mich aber keine Option. Mir gefällt es zu gut, da wo ich jetzt wohne. Ich erreiche in einer halben Stunde alles Orte, die für mich relevant sind: Saalsporthalle und Uni. Ich bin ein Landei. Und das ist ok.

Hier geht's zur Videoaufnahme des Interviews.